Eine mächtige Göttin

Der Sommer ist vorbei und da steht Kultur auf dem Programm. Leider nicht nur bei mir. Gestern an der Abendkasse standen noch andere Leute herum in der Hoffnung noch eine Karte für die Theater-Aufführung zu bekommen. Nur wenige hatten Glück.

Eine Dame – Typ weltoffen und bunt – ging ebenfalls leer aus. Wir kamen kurz ins Gespräch, weil ich meinte, dass es schade sei, dass wir kein Ticket mehr bekommen haben. Sie sagte, dass sie gewusst hätte, dass die Vorstellung ausverkauft sei, aber sie habe auf die Rückgabe einer vorbestellten Karte gehofft, denn: „Der Zufall ist eine mächtige Göttin!“

Ich war beeindruckt. Dem profanen, lichtscheuen, gestaltlosen, unverständlichen Zufall wurde hier ein wundervoll neuer Anstrich verliehen: machtvoll und Göttin! Warum sind da nicht die alten Griechen draufgekommen! Was hätte man für reizvolle Statuen für die Göttin klopfen können! Oder die Ägypter? Der Zufall als Mischwesen zwischen Krokodil und Isis! Die Hindus leben noch im Götterhimmel, könnte man nicht „Zufall“ neben Durga oder Kali ansiedeln, mit vielen Armen herumwedelnd:  in einer Hand ein Schweinchen, in der anderen ein Theaterticket, in der nächsten ein zerdrücktes Auto, dann wieder eine Flutwelle mit lauter Ertrinkenden?

Schade, da ist keiner – außer der Dame vorm Theater – bisher draufgekommen! Liegt vielleicht daran, dass sich Religion und Zufall ausschließen? Denn, wo es Gott und Götter gibt, ist alles gewollt und gesollt. Für Zufall ist kein Platz. Zufall ist dort, wo es keinen Handlungsstrang von ganz oben gibt. Alle Geschehnisse liegen in Gottes oder in der Göttin Hand. Allem liegt ein Plan, eine tiefere Bedeutung zu Grunde. Zufall und Plan schließen einander aus. Sie können nicht miteinander. Zudem ist es DER Zufall, also wäre richtig zu sagen: Ein mächtiger Gott ist der Zufall. Aber dann fehlt der Charme der Göttin, die sich anschmiegt und diejenige belohnt, die ihr huldigt. Und es hört sich viel besser an von einer Göttin zu faseln, anstatt zu sagen: „Mist, Pech gehabt!“

Jedenfalls – Zufall oder nicht – wir gingen beide leer aus: die mit der Göttin im Bunde stehende Dame und der einfache Theaterbesucher.