Erdogan möchte einen Kanal

WELT online: Der türkische Präsident plant einen Kanal durch Istanbul. Mit diesem zweiten, künstlichen Bosporus könnte Erdogan einen Vertrag umgehen, der seit über 80 Jahren das militärische Gleichgewicht im Schwarzen Meer regelt.

Ob dieser Kanal tatsächlich großen militärischen Nutzen bringt scheint mir zweifelhaft. Auch wirtschaftlich scheint der Nutzen gering.

Nach meinem Eindruck ist der Durchgangsschiffsverkehr auf dem Bosporus eher mäßig. Wirtschaftlich macht das Projekt vermutlich daher nicht viel Sinn. Es werden aber Arbeitsplätze geschaffen. Istanbul – derzeit für die AKP verloren – wird sich dankbar an Erdogan erinnern und die nächste Wahl geht wieder an seine Partei.

Das scheint mir aber nur ein Grund für das riesige Bauvorhaben. Der andere Gund ist ein Historischer. Jeder Türke weiß, was mit der Idee verbunden ist: „Schiffe über den Berg zu tragen“. Mehmet II Fatih hat auf diese Weise Konstantinopel erobert. Der „Goldene Apfel“ ging endlich – nach 21 erfolglosen Versuchen – an die Osmanen. Schon Mohammed, der Gesandte Gottes, hatte davon geträumt die glorreiche Stadt unter dem Banner Allahs zu sehen.

Vor einem Jahr wurde die größte Moschee der Türkei in Istanbul eröffnet. Die Minarette recken sich 107,1 m in den Himmel. Dieses Baudetail hatte Erdogans Gefallen gefunden. 1071 schlugen die nomadischen Reiterstämme – die Ahnen der Türken – die byzantinische Armee in Ostanatolien bei Manzikert. Kleinasien stand offen. Der Islam konnte einziehen. Erneut – so die Botschaft – wird der goldene Apfel fallen. Einst Manzikert, dann Konstantinopel, schließlich Kerneuropa. Europa ist in den Augen Erdogans und vieler seiner Mitbürger überreif. Wie einst vor dem Fall der Mauern das 1000 jährige Konstantinopel: reich, träge, moralisch verkommen – von Memmen und Weibern geführt.

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