Eine Frage und keine Antwort

Verleihung der Ehrendoktorwürde an Frau Dr. Merkel.

Uni Bern, 3. Sept. 2015

ab Minute 47

Eine Teilnehmerin stellt Frau Merkel am Ende des Gesprächs die Frage:
„Sie haben gesagt, dass wir eine Verantwortung für diese Flüchtlinge haben.
Eine der Verantwortungen ist es aber auch uns hier in Europa zu schützen.
Es kommen jetzt noch mehr Leute mit islamischem Hintergrund.
Das bedeutet auch eine große Angst in Europa vor Islamisierung, die immer mehr stattfindet.
Wie wollen sie uns in Europa und unsere Kultur schützen?

Frau Merkel antwortet:

1. Der islamistische Terror sind Erscheinungen, die wir ganz stark in Syrien haben, im Irak haben, aber dazu hat die EU eine Vielzahl von Kämpfern beigetragen. Wir können also nicht sagen, damit haben wir nichts zu tun, denn das sind ja Menschen, die in Europa aufgewachsen sind, wo wir auch unseren Beitrag leisten.

2. Angst war noch nie ein guter Ratgeber, im persönlichen Leben nicht und im gesellschaftlichen Leben nicht. Kulturen und Gesellschaften, die von Angst geprägt sind, werden mit Sicherheit die Zukunft nicht meistern.

3. Wir haben diese Debatte auch, dass wir sehr viele Muslime in Deutschland haben. Wir haben die Debatte darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört. Wenn man 4 Millionen Muslime hab braucht man, finde ich, nicht darüber zu streiten, ob jetzt die Muslime zu Deutschland gehören und der Islam nicht oder, oder ob der Islam auch zu Deutschland gehört. und da gibt es auch diese Sorgen. Wir haben doch alle Chancen und alle Freiheiten uns zu unserer Religion, sofern wir an sie glauben und sie ausüben, zu bekennen. Und wenn ich etwas vermisse, dann ist es nicht, dass ich jemand vorwerfe, dass er sich zu seinem muslimischen Glauben bekennt, dann haben wir doch auch den Mut zu sagen, dass wir Christen sind, dann haben wir doch den Mut zu sagen, dass wir da in einen Dialog eintreten. Dann haben wir doch dann auch bitteschön die Tradition mal wieder in den Gottesdienst zu gehen oder ein bisschen bibelfest zu sein und vielleicht auch mal ein Bild in der Kirche erklären zu können und wenn sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, dann würd ich mal sagen,  ist die Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her. Und sich dann anschließend zu beklagen, dass sich Muslime im Koran besser auskennen, das find ich irgendwie komisch.

Und vielleicht kann uns diese Debatte auch mal wieder dazu führen, dass wir uns mit unseren eigenen Wurzeln befassen und ein bisschen mehr Kenntnis darüber haben. Und insofern finde ich diese Debatte sehr defensiv. Gegen terroristische Gefahren muss man sich wappnen und ansonsten ist die europäische Geschichte so reich an so dramatischen und gruseligen Auseinandersetzungen, dass wir sehr vorsichtig sein sollten uns sofort zu beklagen, wenn woanders was Schlimmes passiert. Wir müssen angehen dagegen, wir müssen versuchen das zu bekämpfen.

4. Aber wir haben nun überhaupt keinen Grund auch zu größerem Hochmut muss ich sagen. Das sage ich jetzt als deutsche Bundeskanzlerin.

Anmerkungen

Zu 1: Zunächst nennt Merkel die Sache beim Namen: „islamistischer Terror“. „Wir“ „haben“ diesen Terror (in Nahost). Klingt so als hätten wir wie einen Schnupfen oder einen verregneten Sommer. Dennoch sind wir daran beteiligt und zwar aktiv: „wir in Europa leisten in Form von Kämpfern unseren Beitrag“. Dass sich die Kämpfer in Europa in staatlich geförderten Moscheen mit der Ideologie des Terrors infiziert haben, dass diese Ideologie eng mit einer Weltreligion verbunden ist, verschwindet nach zwei Merkelsätzen im Sprachnebel.

Zu 2: Merkel stellt die Diagnose: „Angst ist“ (man müsste hinzusetzen in manchen Situationen) „schädlich“. Angst ist ein Gefühl. Daher kann „Angst“ auch kein „Ratgeber“ sein. Sie drückt damit die Fragestellerin ein wenig ins Abseits: Sie nämlich lässt sich von Gefühlen leiten. Alle die so fühlen „werden mit Sicherheit die Zukunft nicht meistern.“ Eine bizarre Diagnose die sie möglichst weitläufig in „Kulturen und Gesellschaften“ verortet. Widerworte haben ab jetzt das Stigma: „nicht zukunftsfähig“.

Zu 3: Nun hat Merkel freie Bahn und gestaltet das Thema nach ihrem Gusto: mangelnde Kulturkenntnis der Deutschen. Hier kann sie frei sinnieren und bewegt sich auf sicherem Gleis: „lasst uns doch wieder mal in den Gottesdienst gehen, könnt ihr überhaupt ein Bild in der Kirche erklären, was ist Pfingsten“. Die abgetrennten Köpfe, die Versklavungen, die Attentate… weit, weit weg. Es fehlt wenig und die Studenten nehmen sich an der Hand und singen „wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt…“. Was kann eine Politikerin, die ohne Rücksprache mit den europäischen Partnern die Grenze für zwei Millionen Herkommende vor wenigen Tagen geöffnet mehr erreichen? Grandios.

Und jetzt – vom gesicherten Terrain aus – kann sie den Blick zu den „Gefahren“ wenden, die jetzt aber keine Konkretisierung wie „islamistisch“ mehr erhalten. Als ginge es in einem Gottesdienst um die Anmutungen des Fleisches muss „man“ sich “wappnen“ UND “und ansonsten ist die europäische Geschichte so reich an dramatischen und gruseligen Auseinandersetzungen“! Was hat die europäische Geschichte mit Gefahren zu tun, vor denen uns heute und jetzt unsere Kanzlerin schützen soll, nein muss? Wie kann sie überhaupt diesen Zusammenhang herstellen? Unkonkrete Begriffe und ad hoc Querverweise zur (vermutlich deutschen) Geschichte werden schnell gewoben. Jeder innerer Widerspruch verheddert sich im Nebulösen. Gleichzeitig ist die Vortragsweise sedierend.

„Wir müssen angehen dagegen…“. Gegen was „wir“ angehen müssen, hat sich inzwischen verflüchtigt. Was es immer auch sei, das anschließende Substantiv, das ihr dazu einfällt wirkt psychisch delokalisiert, jedenfalls bizarr. „Wir haben keinen Grund zu größerem Hochmut!“ Ein denkerischer Salto, ein Begriff der in jedem politischen Kontext von vornherein fehl am Platz ist. Plötzlich betritt man einen sakralen Raum von Schuld und Sühne. Hier werden keine Probleme mehr gelöst, sondern wir kasteien uns gemeinsam mit der Kanzlerin vor dem unheilvollen Spiegel der deutschen Geschichte. Das ist so grandios wie gaga.

Sollte ein Zuhörer noch nicht durch ein geistiges Nirwana schweben und sich fragen, ob wir vielleicht Grund zu Hochmut, aber nicht zu „größerem Hochmut“haben, setzt Merkel den Schlussakkord. Nachdem sie der Frage – auf deren Antwort bis heute ein ganzer Kontinent wartet – alle konkreten Konturen genommen hat, nachdem sie nichts zu der Frage: „wie wollen sie uns und unsere Kultur schützen“ gesagt hat, beschließt sie die „Debatte“ mit dem einzigen konkreten Satz. „Das sag ich jetzt als deutsche Bundeskanzlerin.“

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