Stell dir vor …

Die Internationalen Wochen gegen Rassismus sind zu Ende. Zum Abschluss wurde in unserer Stadt ein Theaterstück aufgeführt: „Krieg, stell dir vor, er wäre hier.Janne Teller hat dieses Stück 2001 geschrieben. Sie ist Dänin und hat Staatswissenschaft studiert. Dann lebte sie in New York, arbeitete in verschiedenen Krisengebieten u.a. für die EU und die UN und für andere „internationale Organisationen“.
Wir sind etwa 20 Zuschauer. Der Raum ist leicht abgedunkelt. Die Zuschauer sitzen in U-Form, in deren Mitte Tim – der Flüchtlingsdarsteller – seine Flüchtlingsrolle gestaltet. Deutschland und Europa sind in die Hände von Nationalisten gefallen. Es fallen Bomben und es explodiert ununterbrochen. Wer genau gegen wen kämpft ist nicht klar, aber da das Stück in der Zukunft spielt, geht es nicht um Plausibilität. Wichtig ist, dass der junge Schauspieler fliehen muss. Der arabische Welt ist in Zukunft eine Oase von Sicherheit und Wohlstand. Tim flieht nach Ägypten. Er muss Geld für den Schlepper bezahlen und obwohl die Ägypter freundlich sind, hat er es zunächst schwer im Flüchtlingscamp. Er bekommt zunächst keinen Sprachkurs und mit der Integration klappt es auch nicht gleich. Die Schwester von Tim –  so erfährt man nebenbei – ist irgendwie auch geflohen. Sie möchte einen Sexualkundekurs in der Schule – dieser wird aber abgelehnt. So bitter kann Immigration sein.
Unser Flüchtling kann von zu Hause nicht viel mitnehmen. Das Wichtigste für ihn ist sein Tagebuch. Das steckt in einem alten Rucksack, der eines der seltenen Requisiten auf der Bühne ist. Ich kenne diese Art von Rucksack von alten Bildern. Mein Opa war Wandervogel und hatte genau dieses Modell. Zum Schluss erhält Tim die Aufenthaltsgenehmigung, hat Arabisch gelernt und Freunde gefunden (von Freundinnen ist nicht die Rede) träumt aber immer noch von seiner alten Heimat, in der er sich – so sinniert er – vielleicht gar nicht mehr heimisch fühlen würde.
Beifall
Das Stück ist reines Betroffenheitstheater. Es wird keine Distanz zum Geschehen hergestellt, noch soll irgendetwas geklärt werden. Selbstironie ist nicht gewollt.
Nach einer kurzen Pause dürfen wir Zuschauer über das Stück sprechen. Das Gespräch wird von der Regisseurin geleitet.
Wir erfahren: Das Stück wird normalerweise in Schulen gespielt. Schüler reagieren auf die tragische Geschichte von Tim sehr einfühlsam.
Auch bei den erwachsenen Theaterbesuchern hat sich Betroffenheit eingestellt. Es wird viel über die Schwierigkeiten gesprochen, die man haben kann, wenn man in ein fernes Land kommt, dessen Sprache man nicht versteht.
Etwa die Hälfte kann sich vorstellen, dass es in Europa wieder Krieg geben kann. Keiner kann sich aber vorstellen, dass dieser Krieg im Zusammenhang mit den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen stehen könnte. Der Flüchtlingsbegriff, wie er von den Medien verwendet wird, wird nicht in Frage gestellt. Als ich sage, dass die Flüchtlinge in ihrem jeweiligen Nachbarland in Sicherheit leben könnten, wird das bestritten. Als ich darauf beharre, erklärt unter allgemeinem Zuspruch eine Zuschauerin: Europa sei schuld an all diesen Konflikten. Wenn man sich zum Beispiel nur Afrika ansehe, die ganze Ausbeutung der Rohstoffe durch uns und das Hähnchenfleisch, das billig dorthin geliefert wird und die einheimischen Märkte zerstört.
Ich kann einwerfen, dass wir nicht alles Schlechte dieser Welt Europa anlasten sollten. Als ich auf Syrien verweise, und dass die dortigen Kämpfe, entlang der ethnischen und religiösen Linien verlaufen, dass es in Ex-Jugoslawien genau so war, und dass ich diese Gefahr auch für unser Land sehe, erklärt eine junge Zuschauerin, dass wir 80 Millionen Deutsche sind, da fallen die wenigen Flüchtlinge nicht ins Gewicht, sie habe da keine Sorgen.
Dass wir ein Propagandastück gesehen haben, welches Kinder und Jugendliche im Klassenzimmer Gefühlslagen aussetzt,  deren sie mangels Erfahrung und Wissen nichts entgegensetzen können, stört außer mir keinen. Der Flüchtling an sich ist gut. Er ist ein armer Kerl. Eine Lapalie, dass die jungen Männer nicht mit ihrem Tagebuch fliehen, sondern mit teuren Smartphones. Den Pass vergessen, kann in den Kriegswirren schon einmal passieren. Das Smartphone braucht der Flüchtling um während der gefährlichen Flucht Kontakt zur Familie zu halten, die aus unerfindlichen Gründen im von Krieg zerstörten Land weiterleben kann.

Einen Wertekonflikt zwischen der europäischen Gesellschaft und Afrika und Mittelasien wird verneint, stattdessen spricht eine Dame, die mit ihren beiden Kindern das Theatererlebnis teilt, von ihrer Erfahrung, als sie ein Jahr in Südamerika gelebt hat. Sie musste sich dort auch erst eingewöhnen.
Insgesamt also alles so, wie es sich für einen wohlklingenden Schlussakkord für die „Themenwochen Antirassismus“ gehört. Mir fällt auf, wie heftig Widerspruch bekämpft und diffamiert wird.  Die bösen Rechten, Rassismus, ausländerfeindliche Gewalt, werden unentwegt beschworen, ohne je ein konkretes Beispiel zu nennen. Niemand wagt zu widersprechen oder nachzufragen. Die angebliche Ausgrenzung, die man aufs Schärfste bei den Neuhinzugekommen bekämpfen will, wird rigoros gegen Menschen in Stellung gebracht, die die Erzählung vom armen Flüchtling in Frage stellen.

Fazit:
Der Antirassismus umstellt das freie Denken. Er baut Grenzzäune im Innern. Er überwacht aufs Schärfste was gedacht werden darf. Mit jedem falschen Gedanken mit dem Zulassen einer einzigen ungefilterten Wahrheit, kann bereits die innere Rutschbahn zum KZ-Kommandanten beginnen. Er behauptet, dass es kein Halten gibt, dass eine schnurgerade Autobahn von der Skepsis in der Flüchtlingsfrage zu den Schloten von Ausschwitz führt.
Deshalb gibt es keine Veranstaltungen zum tief verwurzelten Rassismus in Afrika oder Asien. Kein Gedanke daran, dass rassistische Vorurteile, etwas Menschliches sind, dass es sie vermutlich in allen Gesellschaften gab und gibt. Völkermord als Gefahr entsteht erst dann, wenn sich eine totalitäre Regierung Rassismus als Ideologie zu eigen macht.
Was hingegen geschieht, wenn sich eine Regierung totalitärer Mittel bedient, um Antirassismus zu verbreiten, ist geschichtlich gesehen Neuland. Es zeichnet sich ab, dass die Regierung die autochthone Bevölkerung nicht mehr schützen kann oder will. Diese „angestammte“ Bevölkerung weiß gar nicht wie ihr geschieht. Natürlich erfährt sie aus den Medien hier und da, dass es Übergriffe von Fremden auf Einheimische gibt. Ob diese Übergriffe einen kulturellen / religiösen Hintergrund haben, darf nicht diskutiert werden. Es können und dürfen nur „Einzelfälle“ sein. Die eben überall vorkommen. Das neue „Besondere“ an den Gewalttaten wird nicht behandelt. Es herrscht Tugendterror, der alle diffamiert, die einen möglichen Zusammenprall unterschiedliche Kulturen in Erwägung ziehen.
Die „Tugendhaften“ werden leider dadurch befeuert, dass bei den Kritikern der offenen Grenzen, durchaus Personen sind, die einen „eigenwilligen“ Umgang mit der jüngsten Geschichte pflegen. Um deren wichtigste Ideogiekerne kurz zu nennen: a) Leugnung der Kriegsschuldfrage im 1. und 2. Weltkrieg. b) „Die Juden“ (mal alle, mal nur einige „Masterminds“), sind die wahrhaft Schuldigen an allem Bösen in der Welt, und c) die Juden und/oder US-Milliardäre hegen einen „Geheimplan“, der die Bevölkerung in Deutschland „austauschen“ will.
Dass diese Erklärungsmuster letztlich mehr Fragen aufrufen, als sie vermeintlich beantworten, ist den Protagonisten gleichgültig. Es geht um die „Wucht“ des Arguments. Der andere kann sich argumentativ abstrampeln, der Verschwörungstheoretiker bleibt im sicheren Hafen.
Es geht kein Ruck durch dieses Land, sondern ein tiefer Riss. Die beiden Lager stehen sich hasserfüllt gegenüber. In einer Situation, in der Einigkeit und Selbstverständigung aus reinem Selbsterhaltungstrieb dringend geboten wäre, zerfleischen sich die Menschen, deren angestammtes Recht es ist, über das Gebiet in dem sie leben, und über die Zukunft ihrer Kinder zu entscheiden.
Am Ende des Theaterstücks fragte die junge Regisseurin, wohin wir – im Falle eines Krieges – fliehen würden. Ich sagte, nicht wenige Juden in Frankreich fliehen inzwischen nach Israel, sie haben eine Nation, die hinter ihnen steht. Türken, Pakistanis, Albaner, Syrer usw. haben ihr Land, in das sie zurückkehren, wenn Deutschland zum Bürgerkriegsland geworden ist. Wir können nirgendwo hin. Wir zerfleischen uns gegenseitig mit Unterstützung von „Gruppen“. Der Rassismus kann endlich ohne Deutsche weiterleben.

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