3. Oktober – Tag der offenen Moschee

Die Sütcü Imam Moschee liegt zentral in der Stadt von der Straße leicht nach hinten versetzt. Mein Rad schließe ich nicht ab. Vor einer Moschee ist sicherer als vor einer Polizeistation. Bein Eintritt ist alles hell und freundlich.  Unten sitzen Gläubige an einem langen Tisch bei feinen türkischen Häppchen und Tee. Ich geh gleich die Treppe hoch und schon spricht mich eine ältere Dame an, – giftgrüne Kopfbedeckung, langer schwarzer Übermantel – ob sie mir die Moschee zeigen und meine Fragen beantworten dürfe. Der Gebetsraum sind eigentlich zwei Gebetsräume. Der große Raum schön eingerichtet mit grün angeleuchteter Kibla und den Namen Allahs an den Wänden und ein zweiter – kleiner schmuckloser Raum. Die Dame erklärt, dass der kleine Raum den Frauen vorbehalten ist. Im Laufe des Gesprächs – währenddessen uns 4-5 Männer und eine Frau umstehen, die sich zeitweilig an den Erläuterungen beteiligen – erfahre ich Folgendes:
– Der Imam stammt aus Ankara – gesandt von der Religionsbehörde, dies habe aber nichts mit der Erdogan und seiner Regierung zu tun. (Der Imam stand ebenfalls dabei. Er wirkte auf Grund der Statur, dem schwarzen Bart und des stechenden Blicks eher wie ein Ringer – aber wahrscheinlich tue ich einer spirituell fein gestimmten Seele tiefes Unrecht!)
– Die Freitagspredigt wird auf Türkisch gehalten. Der Imam versteht kein Deutsch.
– Meine Gesprächspartnerin trägt ihre Verhüllung zum Schutz. Auf meine Nachfrage, gegen wen der Schutz notwendig sei und von wem sie sich bedroht fühle, antwortet sie, ihr Glaube schreibe dies vor
– Auf meinen Einwand, dass ich mich bedroht fühlen würde, von einer Person, die offen zeigt, dass sie mit christlichen Werten nichts zu tun haben möchte, ernte ich Unverständnis. Auch Nonnen seien bedeckt! Ich: Richtig, aber diese religiöse Bekleidung schließt auch Mönche ein. Während die anwesenden Herrschaften und selbst der Imam normal bekleidet seien.
– Überall sind Muslime bedroht und seien Opfer! (Mein armes Fahrrad wird wahrscheinlich gerade von christlichen Glaubensfanatikern zerhackt.) Auf meine Nachfrage, wo denn genau Muslime Opfer seien, wird Syrien genannt und überhaupt überall. Ich entgegne in Syrien seien doch gerade Alawiten und Christen häufig Opfer und aufs Äußerste bedroht. Der Islamische Staat erklärt ganz offen, dass alle Alawiten getötet werden und die Christen für immer die Levante verlassen müssten. Ebenso die Hamas gegen Israel – schwarz auf weiß nachzulesen in ihrer Charta: „Kampf bis zur Vernichtung“. In Ägypten sind nahezu täglich Christen Opfer von Anschlägen und auch in Europa soll man inzwischen von solchen Dingen gehört haben.
– Das hat nichts mit dem Islam zu tun! Der Islam ist Frieden! Im Koran Sure 5, 32 heißt es unmissverständlich: „Wer einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet“. (Ich lasse das so stehen und sage nicht, dass der Koran den Talmud zitiert. Man kann durchaus der Meinung sein, dass dieser Satz für Muslime keine Gültigkeit besitzt, denn schon im nächsten Vers (33) heißt es: „Der Lohn derjenigen, die Krieg führen gegen Allah und Seinen Gesandten und sich bemühen, auf der Erde Unheil zu stiften, ist indessen (der), dass sie allesamt getötet oder gekreuzigt werden, oder dass ihnen Hände und Füße wechselseitig abgehackt werden…“).
– Die Medien lügen allesamt und berichten falsch über den Islam! Es geht ums Öl. Wer verkauft die Waffen an die armen Menschen? (Gemeint sind anscheinend USA, Israel, Russland – der ungläubige Westen).
– Der Koran ist das wahre Wort Gottes. Denn er wurde direkt von Gott an Mohammed gegeben, also direkt vom Erzengel Gabriel Mohammed in die Feder diktiert. Mohammed konnte nicht schreiben, also deshalb hat er das Wort Gottes / Gabriels einem Schreiber diktiert. Nein, bei diesem Prozess der Weitergabe von Gottes Botschaften seien keine Fehler passiert.
Meine Fragen werden höflich beantwortet. Und ich bin auch höflich. Unterschwellig ist zu spüren, dass ich ein fremdes Tier in ihrer Welt bin. Sie haben auf alles eine Antwort – die gleichen Schablonen, die von hier bis nach Indonesien in den Köpfen der Gläubigen fest verankert sind. Höflich werde ich noch zum Tee eingeladen, aber ich muss ablehnen, da ich ja noch der Ahmadiyya Muslim Jamaat meine Aufwartung machen muss. Mein Rad steht friedlich und intakt vor der Moschee und ich fahre die wenigen Meter weiter zur pakistanischen Variante des wahren Glaubens.

Die Moschee der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) liegt in einem kleinen Industriegebiet direkt gegenüber einer Unterkunft von Schutzsuchenden aus islamischen Ländern, die  vor Krieg und Terror geflohen sind.
Die Moschee ist neu. Von einem Zaun umgeben. Ausschließlich Pakistaner und ausschließlich Männer sitzen am Eingang. Ich werde zum Männereingang der Moschee geleitet. Man kennt mich von einem früheren Gespräch und so wird mir ein offensichtlich höher gestellter Pakistani zugeteilt. Hier stehen mehrere Männer um uns herum und verfolgen das Gespräch und machen einige Einwürfe. Auch hier ist der Gebetsraum für Männer und Frauen streng getrennt. Der Vorbeter ist immer männlichen Geschlechts. Der Vorbeter steht im Männerraum. Seine Worte werden per Mikrophon den Frauen, die abgetrennt und unsichtbar in einem Nebenraum harren, übertragen.
– Die Predigt werde auf Urdu und manchmal auf Deutsch gehalten.
– Männer sollen sich in einer Moschee ganz auf Gott konzentrieren. Die Anwesenheit von Frauen störe die Zwiesprache mit Gott. Mein Einwand, dass Christen – und soweit ich weiß auch viele andere Religionen – es durchaus schaffen, sich trotz der Anwesenheit des anderen Geschlechts auf Gott zu konzentrieren – wird mit der Art der Glaubenshandlung beantwortet. Während Christen in der Kirche mehr oder weniger sitzen, beugen sich Muselmanen knieend nach vorne.
– Männer fühlen sich unter Männern wohler, als in gemischten Gruppen
– Kloster und Keuschheit sind unnatürlich. Allah hat die Menschen zum Kinderkriegen geschaffen – auf meinen Einwand, dass das ja gerade die Sphäre des Religiösen ausmacht, der Verzicht auf Sexualität, dass das den Menschen eben vom triebgesteuerten Tier unterscheidet, wird wiederholt: Das ist unnatürlich.
– Die Ahmadiyya seien aus Pakistan weggegangen, weil sie nicht als Religion anerkannt seien. Sie würden verfolgt. Auch in allen anderen islamischen Ländern werden sie verfolgt.
– Weshalb sie in ein christliches Land kommen und hier für den Islam missionieren, der sich doch verfolgt? „Hier ist es möglich.“
– Die islamischen Länder seien nicht wegen der Religion  intolerant und rückschrittlich, –  religiöser Fanatismus, Hass, Armut, Gewalt widersprechen dem wahren Islam – sondern das liegt an den anderen nicht islamischen Ländern. Auf meine Rückfrage, wer genau das ist – misstrauischer Blick. Das wüsste doch jeder. Gut sage ich, wenn es jeder weiß, dann könnte er mir doch sagen, wer so perfide ist und die islamische Welt unterdrückt und meuchelt. Er: Das hätte selbst ein Wortführer der Linken im Bundestag gesagt. Ich: Ja – was hat er denn gesagt? Er: Überall werden Waffen verkauft und ich wisse doch selbst wer das sei. Ich: Ah, sie meinen USA und Israel? Kein Widerspruch, aber er getraut sich (noch) nicht, es in Deutschland offen auszusprechen. Ich: Und die Atombombe, wurde die der Islamischen Republik Pakistan von den gottlosen USA und Israel geschenkt? Ich dachte immer, Abdul Kadir Khan habe die Bombe gebaut und wird deshalb in weiten Teilen der islamischen Welt als Held verehrt! Jetzt fällt ihm zum ersten Mal Nichts ein, dann nach einigem Zögern: Wir haben sie zumindest nicht an andere Staaten weitergegeben. (Alle Pakistaner sind unglaublich stolz auf die islamische Bombe. Mir fällt auf, dass er zum ersten Mal von „Wir“ spricht.) Ich: sie sagen zum ersten Mal „Wir“, wenn sie von Pakistan sprechen – fühlen sie sich also als Pakistani?
Er:, das Gespräch sei jetzt doch zu Ende. Mir ist es auch Recht. Wir geben uns die Hände.

 

Mein Rad ist noch da. Ich radle in den verbliebenen Tag der Neuen Deutschen Einheit.

 

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