Eine mächtige Göttin

Der Sommer ist vorbei und da steht Kultur auf dem Programm. Leider nicht nur bei mir. Gestern an der Abendkasse standen noch andere Leute herum in der Hoffnung noch eine Karte für die Theater-Aufführung zu bekommen. Nur wenige hatten Glück.

Eine Dame – Typ weltoffen und bunt – ging ebenfalls leer aus. Wir kamen kurz ins Gespräch, weil ich meinte, dass es schade sei, dass wir kein Ticket mehr bekommen haben. Sie sagte, dass sie gewusst hätte, dass die Vorstellung ausverkauft sei, aber sie habe auf die Rückgabe einer vorbestellten Karte gehofft, denn: „Der Zufall ist eine mächtige Göttin!“

Ich war beeindruckt. Dem profanen, lichtscheuen, gestaltlosen, unverständlichen Zufall wurde hier ein wundervoll neuer Anstrich verliehen: machtvoll und Göttin! Warum sind da nicht die alten Griechen draufgekommen! Was hätte man für reizvolle Statuen für die Göttin klopfen können! Oder die Ägypter? Der Zufall als Mischwesen zwischen Krokodil und Isis! Die Hindus leben noch im Götterhimmel, könnte man nicht „Zufall“ neben Durga oder Kali ansiedeln, mit vielen Armen herumwedelnd:  in einer Hand ein Schweinchen, in der anderen ein Theaterticket, in der nächsten ein zerdrücktes Auto, dann wieder eine Flutwelle mit lauter Ertrinkenden?

Schade, ist keiner – außer die Dame vorm Theater – bisher draufgekommen! Liegt vielleicht daran, dass sich Religion und Zufall ausschließen? Denn wo es Gott und Götter gibt ist alles gewollt und gesollt. Für Zufall ist kein Platz. Zufall ist dort, wo es keinen Handlungsstrang von ganz oben gibt. Alle Geschehnisse liegen in Gottes oder in der Götter Hand. Allem liegt ein Plan eine tiefere Bedeutung zu Grunde. Zufall und Plan schließen einander aus. Sie können nicht miteinander. Zudem ist es DER Zufall, also wäre richtiger zu sagen: „Der allmächtige Zufallsgott hat wieder zugeschlagen!“Aber dann merkt natürlicher jeder sofort, dass mit dem Inhalt irgend was nicht stimmt und es fehlt der Charme einer Göttin, die sich anschmiegt und diejenige belohnt, die ihr huldigt. Und es hört sich auf jeden Fall geheimnisvoller an, irgendetwas von einer Göttin zu faseln, anstatt: „Blöder Mist, Pech gehabt!“

Jedenfalls – Zufall oder nicht – wir beide gingen leer aus: die mit der Göttin im Bunde stehende Dame und der unbedarfte Kunstsucher.

Think for yourself – die Verkündigung

Eine blonde Frau läuft mit ihrer kleinen blonden Tochter eine Büropassage entlang. Man sieht keine weiteren Passanten nur kurz einen jungen Anzugträger und dann einen Mann mit langem dunklem Gewand und einer auffällig großen schwarzen Tasche, der überhaupt nicht in die Gegend passt. Die Frau mit Tochter läuft ein Stück parallel zu dem Mann in unverkennbarer muslimischer Kleidung.  Auf die schwarze Tasche des Mannes wird gezoomt, dann wieder auf das Gesicht der Frau. In der Mimik der Frau spiegelt sich Furcht und Besorgnis. Als sie ihren Kopf wendet, sieht sie einen Mercedes aus dem drei Personen springen, die entschlossen von hinten auf den Mann zu rennen.

Dieser hat noch nichts gemerkt und läuft seelenruhig weiter. Die Frau bleibt stehen und zieht ihre Tochter zum Schutz eng an sich. Gleich haben die Verfolger – eine Hetzjagd? – den Mann eingeholt, als die Kamera auf einen Kollegen der drei Verfolger – erkennbar an einer roten Binde – schwenkt, der einem Mann zu Boden drückt. Es ist der Anzugträger. Die anderen haben diesen nun ebenfalls erreicht. Sie ziehen mehre Tüten von Koks aus seinem Anzug. Über Funk geben sie ihren Coup an die Polizeizentrale weiter.

Die blonde Frau hat atemlos den Zugriff verfolgt, als ihre Tochter sie an der Hand zieht und auf den Muslim deutet. Dieser hat inzwischen seine Tasche geöffnet und bereits ein Kinderfahrrad auseinandergebaut, das seine kleine Tochter strahlend entgegennimmt. Der kleine Sohn wird auf die Schulter des Mannes gesetzt, ein Umhang, der mutmaßlich die Mutter darstellt, ist nur von weitem zu sehen, es soll keine Fremdheit aufkommen, denn in der letzten Sequenz scheint die blonde Tochter zu sagen: „Guck mal, was für ein lieber Papa“! Die Familie aus dem Morgenland läuft glücklich in den Tag, als die Botschaft erscheint: „Think for yourself!“ Die Frau und mit ihr der Zuschauer bleiben beschämt zurück, denn man merkt, wie man die Klischees vom bösen fanatischen Islamisten tief in sich trägt!

Maren Ueland

Maren Ueland ist bzw. war eine norwegische Studentin. Sie ist mit einer Freundin nach Marokko gefahren um dort in den Atlas Bergen zu wandern. Unweit von Marrakesch haben sie am 18.12. im Zelt übernachtet. Am nächsten Morgen wurden sie tot aufgefunden.

„Auf die zwei Opfer sei eingestochen, ihre Kehlen seien durchgeschnitten worden“, erklärt der Leiter von Marokkos zentraler Ermittlungsbehörde. „Dann seien sie enthauptet worden.“

Die genaue Anzahl der Beteiligten ist im Moment noch unklar. Ein Video wurde ins Netz geladen, worauf zu sehen ist, wie einer jungen Frau der Kopf abgesäbelt wird. Die Männer, die sich ganz offen dieser Tat rühmen heißen: Rachid Afatti, Ouziad Younes and Ejjoud Abdessamad.

Mörder Maren

Maren Ueland hat das professionell gemachte Video „Think for yourself!“ der britischen Guppierung Dawah (Verkündigung) Film UK auf ihrer Facebook Seite geteilt. Offensichtlich konnte sie sich in der Botschaft dieses Films wiederfinden. Die Gesichter ihrer Mörder sehen dem netten Vater im Film zum Verwechseln ähnlich.

Würde man heute sagen, sie hat die Botschaft falsch verstanden: ein Mann kann sehr nett zu seinen Kindern sein, für andere aber puren Hass empfinden?

Hätte der Film einen SS Mann gezeigt – die Dame mit Kind wäre dann eine Jüdin oder eine Roma gewesen, – würde man dann von einer Verharmlosung des Nationalsozialismus sprechen?

Und wenn die Propagandaabteilung der Nazis diesen Film selbst produziert und weiterverbreitet hätte (über 1 Millionen Klicks auf Youtube https://www.youtube.com/watch?v=XPyPM25boh0) würde man sich dann fühlen, als hätte man in einen Abgrund menschlicher Bösartigkeit geblickt?

Die Nazimörder waren nette Familienväter, kultiviert und mit Manieren. Und sie waren Gläubige einer Ideologie, die Menschen anderer Rasse, als minderwertig ansah. Auch die Mörder von Maren begründen ihrer Tat mit heroischen Motiven. Man tausche nur Kalif = Führer, Al-Bagdadi = Adolf Hitler, Sache Gottes = deutsches Volk, und Muslime = Arier. Sie begründen ihre Tat mit folgenden Worten: „Wir sagen dem Kalifen der Muslime (Al-Bagdadi), dass du im Maghreb Soldaten hast, deren Zahl nur Gott kennt. Sie sind entschlossen, die Sache Gottes aufrechtzuerhalten und die Ehre der Muslime zu verteidigen.“

Würde Maren und ihre Freundin noch leben, wenn sie das Machwerk von „Dawah UK Films“ nie gesehen hätte?

 

Filmkritik

The Ballad of Buster Scruggs

heißt ein Film der Coen Brüder, der auf Netflix zu sehen ist. Welche Wohltat einen Film zu sehen, der ohne die moralischen Belehrungen des deutschen Fernsehens auskommt. In verschiedenen Episoden wird ein „Wilder Westen“ gezeigt, der die Menschen hart und unsentimental macht. Die Coen Brüder mixen noch eine Prise von Surrealität hinzu, welches die gezeigten Geschichten ins Märchenhafte und somit aus dem bloßen zeitverhaftet sein heraushebt. Kurzum berührend, unterhaltend, sehenswert.

Und das deutsche Fernsehen?

Am vergangenen Sonntag die letzten 30 Minuten vom Tatort in der ARD gesehen. Die Ermittlerin war Lena Odenthal aus Ludwigshafen, der Titel: „Vom Himmel hoch“.

Die Story: eine blonde Soldatin aus Deutschland musste Einsätze als Drohnenpilotin fliegen und leidet nun an den psychischen Folgen, weil vielleicht kleine Kinder umgekommen waren. Deshalb möchte sie sich an ihrem Vorgesetzten einem US-General rächen. Gleichzeitig befinden sich in Ludwigshafen auch zwei Männer aus dem Irak, die – mittels einer kleinen Spielzeugdrohne – einen Anschlag ausführen wollen. Dabei soll aber niemand in echt zu Schaden kommen, denn die beiden, mit Pudelmütze gekleidet, sind wirklich sehr nett. Sie erklären in einem Bekennervideo ausführlich, dass ihnen das wirklich leidtut, aber niemand hat bisher ihre schlimme Geschichte angehört, und daher sind sie gezwungen mit einer letztendlich gewaltfreien Tat auf sich aufmerksam zu machen. Man möchte die beiden, mit ihrem akzentfreien Deutsch sofort unterhaken und ein Bierchen trinken gehen. Leider geht ihr naiver Plan schief – schließlich wird das gesamte SEK mit Hubschraubern und schwarz gekleideten Einsatzkräften aufgeboten – um die beiden armen Flüchtlinge in Haft zu nehmen.

Unser Soldaten-Weibchen ist von anderem Kaliber! Sie schafft es in das 5 Sterne Hotel, in dem sich der US General vor seiner Abreise noch mit Teilen der deutschen Regierung trifft. Er schüttelt einem hochgewachsenen graumelierten deutschen Verteidigungsminister die Hand, während sich das Schicksal in Form der traumatisierten Soldatin schon über ihm zusammenzieht, denn die hat sich inzwischen auch eine Pistole besorgt. Zum Glück schafft es die Odenthal rechtzeitig in das Hotel und liquidiert die Kämpferin – nicht ohne, dass durch den Kopf der Sterbenden nochmals Bilder von digitalisierten Drohnenangriffen zucken, – so dass auch der allerletzte Zuschauer und selbst die Odenthal kapieren, dass die wahrhaft Schuldigen das US-Militär und der deutsche Verteidigungsminister sind, die sich schon wieder bequem in ihren Hotelsesseln rekeln.

Die Darsteller von US-General, dem Verteidigungsminister, der gesamte militärische Stab: männlich, weiß, alt, aalglatt, die Verkörperung des absolut Bösen auf diesem Planeten, so wie sich offensichtlich für ARD und ZDF die Welt aktuell anfühlt.

Halbzeit

Halbzeit der Regierung in B-W. Der Ministerpräsident und der Innenminister touren durch das Ländle und loben ihre bisherige Regierungsarbeit.

Im Podiumsgespräch wird vom Moderator die Gruppenvergewaltigung in Freiburg angesprochen. Herr Kretschmann zeigt Emotion: „Das geht gar nicht! Die ersten die sich empört haben, waren die Flüchtlinge selbst! Sie haben die Tat scharf verurteilt, und jetzt wird mit Fingern auf sie gezeigt!

Von dieser Verurteilung hat man in der Öffentlichkeit nichts mitbekommen, aber der rhetorische Trick des Landesvaters ist meisterhaft! Das Mitleid, die Solidarität, die eigentlich der jungen Frau zukommen müsste, die von 10 Männern missbraucht wurde, wendet sich im Saal direkt den „Syrern“ zu – den vielen anständigen Männern, die einfach Schutz suchen und jetzt von übel gesinnten Zeitgenossen für die Tat mitverantwortlich gemacht werden.

Die Tat wird von Kretschmann eindeutig verurteilt. Die Täter indes sind junge Burschen, denen ein dummer Jungenstreich ein wenig aus dem Ruder gelaufen ist. So drückt es Kretschmann nicht direkt aus, es schwingt aber mit, wenn er sagt, dass junge Männer mitunter straffällig werden, „weil das sei eben der Gruppendruck, da machen manche dumme Dinge aus der Gruppe heraus.

Deshalb – und dafür sei er scharf angegriffen worden – hätte er gesagt man müsse die Täter „in die Pampa schicken“. Während ich noch überlege, ob es nicht „in die Wüste schicken“ heißen müsste, stellt er die Sache klar: Pampa ist B-W! Auf dem Dorf irgendwo. Dann können die jungen Männer nicht mehr so viel Unsinn machen.

In Mannheim habe das bestens funktioniert. Dort hätte eine Gruppe von jungen Männern, „die ganze Stadt terrorisiert!“, dann habe man diese Männer auf das ländliche B-W verteilt und inzwischen herrschen in Mannheim wieder Sicherheit und Ordnung.

Für diesen entschlossenen Umgang mit Kriminalität und Gewalt bekommen der Ministerpräsident und sein Innenminister ehrlichen und herzlichen Beifall der Bruchsaler Bürger. Man schämt sich fast für den Gedanken, dass weder die Mannheimer noch die Freiburger „jungen Männer“ eigentlich gar nicht bei uns im Lande hätten sein dürfen, und dass nach über 1000 angezeigten Straftaten allein in Mannheim die Antwort des Staates doch ein wenig kleinlaut anmutet.

Aber gut, das ist Grün/Schwarz. Das ist vom Wähler so gewollt. Ob das die Opfer auch wollen, wissen wir nicht.

Und wirklich deplatziert – nah am Rassismus – ist der Gedanke, dass es in Syrien keine Disco gibt, in der sich eine Syrerin von einem Unbekannten – gar einem Nichtsyrer – ansprechen lässt, sich von ihm einen Drink bezahlen lässt und dann mit ihm – willentlich oder unter Droge – die Disco verlässt! In Syrien nicht, in Ägypten nicht, in der Türkei nicht, im Irak nicht. Niemals in Afghanistan, Pakistan, Marokko, Tunesien, Algerien. Ein solcher Kontaktversuch zwischen den Geschlechtern ist nicht mit dem sittlichen Empfinden der dortigen vorherrschenden Religion zu vereinbaren. Die Sanktion der Dame gegenüber wäre unmissverständlich und endgültig.

Das ist eben das Bunte an der Vielfalt, dass sie außerhalb Europas nicht praktiziert wird, während bei uns im Land immer mehr Teilhabe erfahren.

Im Anschluss an das moderierte Gespräch wurden im Foyer Weine aus hiesiger Lage und warmes Salzgebäck gereicht. Hier konnte man auf persönlicher Ebene das Gespräch mit unserem MP und dem Innenminister führen und dann unbeschwert durch die Nacht nach Hause fahren. Bruchsal – so wurde noch während des Podiumsgesprächs unmissverständlich dargelegt – zählt in der Landeshauptstadt nicht zur Pampa.

Stell dir vor …

Die Internationalen Wochen gegen Rassismus sind zu Ende. Zum Abschluss wurde in unserer Stadt ein Theaterstück aufgeführt: „Krieg, stell dir vor, er wäre hier.Janne Teller hat dieses Stück 2001 geschrieben. Sie ist Dänin und hat Staatswissenschaft studiert. Dann lebte sie in New York, arbeitete in verschiedenen Krisengebieten u.a. für die EU und die UN und für andere „internationale Organisationen“.
Wir sind etwa 20 Zuschauer. Der Raum ist leicht abgedunkelt. Die Zuschauer sitzen in U-Form, in deren Mitte Tim – der Flüchtlingsdarsteller – seine Flüchtlingsrolle gestaltet. Deutschland und Europa sind in die Hände von Nationalisten gefallen. Es fallen Bomben und es explodiert ununterbrochen. Wer genau gegen wen kämpft ist nicht klar, aber da das Stück in der Zukunft spielt, geht es nicht um Plausibilität. Wichtig ist, dass der junge Schauspieler fliehen muss. Der arabische Welt ist in Zukunft eine Oase von Sicherheit und Wohlstand. Tim flieht nach Ägypten. Er muss Geld für den Schlepper bezahlen und obwohl die Ägypter freundlich sind, hat er es zunächst schwer im Flüchtlingscamp. Er bekommt zunächst keinen Sprachkurs und mit der Integration klappt es auch nicht gleich. Die Schwester von Tim –  so erfährt man nebenbei – ist irgendwie auch geflohen. Sie möchte einen Sexualkundekurs in der Schule – dieser wird aber abgelehnt. So bitter kann Immigration sein.
Unser Flüchtling kann von zu Hause nicht viel mitnehmen. Das Wichtigste für ihn ist sein Tagebuch. Das steckt in einem alten Rucksack, der eines der seltenen Requisiten auf der Bühne ist. Ich kenne diese Art von Rucksack von alten Bildern. Mein Opa war Wandervogel und hatte genau dieses Modell. Zum Schluss erhält Tim die Aufenthaltsgenehmigung, hat Arabisch gelernt und Freunde gefunden (von Freundinnen ist nicht die Rede) träumt aber immer noch von seiner alten Heimat, in der er sich – so sinniert er – vielleicht gar nicht mehr heimisch fühlen würde.
Beifall
Das Stück ist reines Betroffenheitstheater. Es wird keine Distanz zum Geschehen hergestellt, noch soll irgendetwas geklärt werden. Selbstironie ist nicht gewollt.
Nach einer kurzen Pause dürfen wir Zuschauer über das Stück sprechen. Das Gespräch wird von der Regisseurin geleitet.
Wir erfahren: Das Stück wird normalerweise in Schulen gespielt. Schüler reagieren auf die tragische Geschichte von Tim sehr einfühlsam.
Auch bei den erwachsenen Theaterbesuchern hat sich Betroffenheit eingestellt. Es wird viel über die Schwierigkeiten gesprochen, die man haben kann, wenn man in ein fernes Land kommt, dessen Sprache man nicht versteht.
Etwa die Hälfte kann sich vorstellen, dass es in Europa wieder Krieg geben kann. Keiner kann sich aber vorstellen, dass dieser Krieg im Zusammenhang mit den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen stehen könnte. Der Flüchtlingsbegriff, wie er von den Medien verwendet wird, wird nicht in Frage gestellt. Als ich sage, dass die Flüchtlinge in ihrem jeweiligen Nachbarland in Sicherheit leben könnten, wird das bestritten. Als ich darauf beharre, erklärt unter allgemeinem Zuspruch eine Zuschauerin: Europa sei schuld an all diesen Konflikten. Wenn man sich zum Beispiel nur Afrika ansehe, die ganze Ausbeutung der Rohstoffe durch uns und das Hähnchenfleisch, das billig dorthin geliefert wird und die einheimischen Märkte zerstört.
Ich kann einwerfen, dass wir nicht alles Schlechte dieser Welt Europa anlasten sollten. Als ich auf Syrien verweise, und dass die dortigen Kämpfe, entlang der ethnischen und religiösen Linien verlaufen, dass es in Ex-Jugoslawien genau so war, und dass ich diese Gefahr auch für unser Land sehe, erklärt eine junge Zuschauerin, dass wir 80 Millionen Deutsche sind, da fallen die wenigen Flüchtlinge nicht ins Gewicht, sie habe da keine Sorgen.
Dass wir ein Propagandastück gesehen haben, welches Kinder und Jugendliche im Klassenzimmer Gefühlslagen aussetzt,  deren sie mangels Erfahrung und Wissen nichts entgegensetzen können, stört außer mir keinen. Der Flüchtling an sich ist gut. Er ist ein armer Kerl. Eine Lapalie, dass die jungen Männer nicht mit ihrem Tagebuch fliehen, sondern mit teuren Smartphones. Den Pass vergessen, kann in den Kriegswirren schon einmal passieren. Das Smartphone braucht der Flüchtling um während der gefährlichen Flucht Kontakt zur Familie zu halten, die aus unerfindlichen Gründen im von Krieg zerstörten Land weiterleben kann.

Einen Wertekonflikt zwischen der europäischen Gesellschaft und Afrika und Mittelasien wird verneint, stattdessen spricht eine Dame, die mit ihren beiden Kindern das Theatererlebnis teilt, von ihrer Erfahrung, als sie ein Jahr in Südamerika gelebt hat. Sie musste sich dort auch erst eingewöhnen.
Insgesamt also alles so, wie es sich für einen wohlklingenden Schlussakkord für die „Themenwochen Antirassismus“ gehört. Mir fällt auf, wie heftig Widerspruch bekämpft und diffamiert wird.  Die bösen Rechten, Rassismus, ausländerfeindliche Gewalt, werden unentwegt beschworen, ohne je ein konkretes Beispiel zu nennen. Niemand wagt zu widersprechen oder nachzufragen. Die angebliche Ausgrenzung, die man aufs Schärfste bei den Neuhinzugekommen bekämpfen will, wird rigoros gegen Menschen in Stellung gebracht, die die Erzählung vom armen Flüchtling in Frage stellen.

Fazit:
Der Antirassismus umstellt das freie Denken. Er baut Grenzzäune im Innern. Er überwacht aufs Schärfste was gedacht werden darf. Mit jedem falschen Gedanken mit dem Zulassen einer einzigen ungefilterten Wahrheit, kann bereits die innere Rutschbahn zum KZ-Kommandanten beginnen. Er behauptet, dass es kein Halten gibt, dass eine schnurgerade Autobahn von der Skepsis in der Flüchtlingsfrage zu den Schloten von Ausschwitz führt.
Deshalb gibt es keine Veranstaltungen zum tief verwurzelten Rassismus in Afrika oder Asien. Kein Gedanke daran, dass rassistische Vorurteile, etwas Menschliches sind, dass es sie vermutlich in allen Gesellschaften gab und gibt. Völkermord als Gefahr entsteht erst dann, wenn sich eine totalitäre Regierung Rassismus als Ideologie zu eigen macht.
Was hingegen geschieht, wenn sich eine Regierung totalitärer Mittel bedient, um Antirassismus zu verbreiten, ist geschichtlich gesehen Neuland. Es zeichnet sich ab, dass die Regierung die autochthone Bevölkerung nicht mehr schützen kann oder will. Diese „angestammte“ Bevölkerung weiß gar nicht wie ihr geschieht. Natürlich erfährt sie aus den Medien hier und da, dass es Übergriffe von Fremden auf Einheimische gibt. Ob diese Übergriffe einen kulturellen / religiösen Hintergrund haben, darf nicht diskutiert werden. Es können und dürfen nur „Einzelfälle“ sein. Die eben überall vorkommen. Das neue „Besondere“ an den Gewalttaten wird nicht behandelt. Es herrscht Tugendterror, der alle diffamiert, die einen möglichen Zusammenprall unterschiedliche Kulturen in Erwägung ziehen.
Die „Tugendhaften“ werden leider dadurch befeuert, dass bei den Kritikern der offenen Grenzen, durchaus Personen sind, die einen „eigenwilligen“ Umgang mit der jüngsten Geschichte pflegen. Um deren wichtigste Ideogiekerne kurz zu nennen: a) Leugnung der Kriegsschuldfrage im 1. und 2. Weltkrieg. b) „Die Juden“ (mal alle, mal nur einige „Masterminds“), sind die wahrhaft Schuldigen an allem Bösen in der Welt, und c) die Juden und/oder US-Milliardäre hegen einen „Geheimplan“, der die Bevölkerung in Deutschland „austauschen“ will.
Dass diese Erklärungsmuster letztlich mehr Fragen aufrufen, als sie vermeintlich beantworten, ist den Protagonisten gleichgültig. Es geht um die „Wucht“ des Arguments. Der andere kann sich argumentativ abstrampeln, der Verschwörungstheoretiker bleibt im sicheren Hafen.
Es geht kein Ruck durch dieses Land, sondern ein tiefer Riss. Die beiden Lager stehen sich hasserfüllt gegenüber. In einer Situation, in der Einigkeit und Selbstverständigung aus reinem Selbsterhaltungstrieb dringend geboten wäre, zerfleischen sich die Menschen, deren angestammtes Recht es ist, über das Gebiet in dem sie leben, und über die Zukunft ihrer Kinder zu entscheiden.
Am Ende des Theaterstücks fragte die junge Regisseurin, wohin wir – im Falle eines Krieges – fliehen würden. Ich sagte, nicht wenige Juden in Frankreich fliehen inzwischen nach Israel, sie haben eine Nation, die hinter ihnen steht. Türken, Pakistanis, Albaner, Syrer usw. haben ihr Land, in das sie zurückkehren, wenn Deutschland zum Bürgerkriegsland geworden ist. Wir können nirgendwo hin. Wir zerfleischen uns gegenseitig mit Unterstützung von „Gruppen“. Der Rassismus kann endlich ohne Deutsche weiterleben.

Die dunkelste Stunde

Ein Geschichtsdrama in dessen Zentrum die Frage steht, wie England mit der katastrophalen Niederlage seiner Armeen im Mai 1940 in Frankreich umgehen soll. Auf heutige Verhältnisse übertragen ist die Sache klar: Verhandlungen mit den Deutschen. Gesprächskanäle sind bereits nach Italien zu Mussolini geknüpft. Es gibt für England dem Anschein nach keine Möglichkeit mehr, die Invasion der Insel zu verhindern. Für Verhandlungen fehlt lediglich noch die Zustimmung des englischen Premiers. Obwohl dieser die Lage nicht verkennt, weigert er sich in Verhandlungen einzuwilligen. Churchill wird gezeigt, wie er vermutlich war: im persönlichen Umgang launenhaft, manchmal unsicher aber in der Politik standhaft. Man kann es auch stur nennen. Er tut nicht, was heute zumindest in Deutschland als Ausweis höchster Staatskunst und als alternativlos gilt: Verhandeln, im Gespräch bleiben, Dialog auf Augenhöhe, Nachgeben, Kompromisse aushandeln.

Er tut nicht, was Hitler erwartet hatte, nämlich eine humanitäre Lösung für England zu erbitten. Hitler war sich sicher, dass Demokratien nicht in der Lage sind sich gegen Bedrohungen aufzulehnen, solange die Möglichkeit besteht die Sache auf angenehmere Weise zu regeln. Heute hätte er natürlich Recht, und er hätte vermutlich auch damals Recht behalten, wenn es nicht diesen englischen Sturkopf gegeben hätte.

Im Kino wirkt dieser Anprall von Patriotismus geradezu gespenstisch, unwirklich, vollkommen aus unserer Zeit gefallen. Churchill und anscheinend ein Großteil des Volkes sind bereit zu kämpfen, wenn es sein muss von Haus zu Haus. Niemals aufgeben. Niemals, auch wenn der eigene Untergang klar vor Augen steht. Ich denke allen Zuschauern an diesem Abend ging es ähnlich. Man weiß gar nicht, ob man das gut finden soll. Es beschleicht einem als Deutscher ein nie gekanntes Gefühl, das man archaisch nennen könnte: für seine Ideale, für „das Eigene“ für seine Heimat einstehen! Für das, was man als richtig erkannt hat zu kämpfen und zu sterben. Dabei klug zu sein und aufrichtig. Aber niemals das Ziel aus den Augen zu verlieren: Die Barbarei darf niemals triumphieren.

Kolonovski über Churchill